Mit dem E-Bike am Eisernen Vorhang entlang

27.08.2014: Artikel, erschienen in DER SPIEGEL am 31.7.2014

Zwei Männer, 9200 Kilometer, 30 Tage: Gemeinsam mit einem Begleiter ist Extremradler Joachim Franz den früheren Eisernen Vorhangs entlanggefahren. Bis zu 370 Kilometer täglich legten sie dabei zurück.

Wolfsburg - Seit mehr als zwei Jahrzehnten treibt Joachim Franz die Abenteuerlust um die Welt. Am liebsten ist er dabei auf zwei Rädern unterwegs: Der 54-Jährige durchquerte auf dem Mountainbike die Sahara, erklomm 19 Gipfel zwischen Nordkap und Kapstadt und legte im Sattel 23.000 Kilometer von Alaska bis Feuerland zurück. Jetzt hat er ein weiteres Ziel erreicht: Gemeinsam mit seinem Begleiter Christian Roth bewältigte er knapp 9200 Kilometer entlang der früheren Grenze zum Ostblock.

Nur 30 Tage waren Franz und sein 50 Jahre alte Begleiter dafür auf dem E-Bike unterwegs. Das Duo wollte mit der Tour durch Europa für umweltfreundliche Mobilität werben und gleichzeitig an den Fall des Eisernen Vorhangs vor 25 Jahren erinnern. Jetzt sind sie nach Wolfsburg, in Franz' Heimatort, zurückgekehrt. Nach Auskunft seines Teams ist es die erste Extremtour dieser Art mit Elektro-Fahrrädern.

"Wir haben beide zehn Kilo verloren und sind überglücklich, dass es geklappt hat", sagt Franz. Der Trip sei genauso anstrengend wie mit herkömmlichen Rädern gewesen. Zwischen 290 und 370 Kilometer haben die beiden Männer am Tag zurückgelegt. Gegen 5.30 Uhr krochen sie morgens aus dem Zelt, gegen 6.30 Uhr ging es auf die Straße. Die Akkus der E-Bikes wurden währenddessen von einem Begleitfahrzeug geladen.

Der Iron Curtain Trail ist ein offizieller Radweg

Am 27. Juni waren Franz und Roth an der norwegisch-russischen Grenze nahe Kirkenes inmitten von endlosen Birken- und Kiefernwäldern gestartet. "Wir haben uns gewundert, was es hier früher zu sichern gab", sagt Franz. Fast 50 Jahre war Europa gespalten. Stacheldraht, Minenfelder und Selbstschussanlagen sollten besonders an der innerdeutschen Grenze die Flucht von Ost nach West verhindern. Der Iron Curtain Trail ist ein offizieller Radweg. Er erinnert an die Teilung Europas und deren Überwindung durch die Friedlichen Revolutionen.

Joachim Franz schwärmt von der Gastfreundschaft der Menschen, denen er und sein Begleiter während der Tour begegnet sind. Er berichtet von den aufstrebenden Großstädten im Baltikum und der bitteren Armut in den verfallenen Plattenbauten nur hundert Kilometer entfernt auf dem Land. "Die Masse an Bordellen und die Mädchen an den Straßen im tschechischen Grenzgebiet zeigen, dass es auch Verlierer der EU-Erweiterung gibt", sagt der gelernte Werkzeugmacher, der 1990 sein Leben umgekrempelt hatte.

Vom 126 Kilo schweren Kettenraucher verwandelte sich der VW-Schichtarbeiter damals innerhalb eines Jahres in einen 71 Kilogramm leichten Marathonläufer. Seit 2001 stellt Joachim Franz seine Aktionen in den Dienst des Kampfes gegen Aids. Auslöser war der Tod eines engen Freundes nach einer HIV-Infektion.

"Alle drei Jahre muss ich los, sonst gehe ich ein"

Rund zwei bis drei Millionen Euro hat der vielfach ausgezeichnete Extremsportler nach eigener Schätzung bisher an Spendengeldern gesammelt. Seine Erfahrungen gibt er heute vor allem als Trainer, Seminarleiter und Autor weiter. "Aber alle drei Jahre muss ich los, sonst gehe ich ein", sagt Franz.

Die jüngste Aktion stand unter der Schirmherrschaft des Europäischen Parlaments. Die Initiative, einen Europaradweg Eiserner Vorhang zu schaffen, ging vor rund zehn Jahren von dem Berliner Europaabgeordneten Michael Cramer aus. Der Grünen-Politiker freut sich, dass Franz nun Aufmerksamkeit für das Projekt schafft. "Er zeigt, wie man Politik, Geschichte, Natur und Kultur im wahrsten Sinne des Wortes erfahren kann", sagt Cramer.

Für Joachim Franz und Christian Roth endete die Radtour offiziell am vergangenen Sonntag mit einem Bad im Schwarzen Meer an der bulgarisch-türkischen Grenze. Gefährliche Situationen gab es auf der Straße auch diesmal wegen einiger weniger aggressiver Autofahrer, sagt Franz. So habe ihn ein Holzlastwagen bei einem Überholmanöver beinahe aus dem Sattel gefegt. "Wenn Christian hinter mir nicht geschrien und ich nicht den Kopf geduckt hätte, wäre ich nicht mehr da."