Mit dem Fahrrad entlang des ehemaligen „Eisernen Vorhangs“

22.07.2014: Artikel in "The Voice of Russia" vom 22.7.2014

MOD: Im Haus der Europäischen Union in Wien fand am vergangenen Montag die Präsentation eines ungewöhnlichen Projektes statt, das an der Schnittstelle der neuesten Geschichte, des Tourismus, des Umweltschutzes und der sanften Mobilität angesiedelt ist. Es ging um die Etablierung eines neuen europäischen Radweges, der lückenlos vom hohen Norden unseres Kontinents in Russland, Norwegen und Finnland bis hin zur bulgarisch-türkischen Grenze führt. Wir haben jetzt an der Telefonleitung unseren europäischen Korrespondenten Igor Belov, der dieser Präsentation beiwohnte. Erste Frage: wie ist die Idee dieses gewaltigen Radweges entstanden?

ANTWORT: Der grosse deutsche Wissenschaftler Albert Einstein wurde einmal gefragt, wie er zu seinen Ideen kommt? Er antwortete, ich denke, nicht ohne Humor: “Ich taste mich heran“. Ich denke, so ungefähr ging es auch dem deutschen Abgeordneten des Europäischen Parlaments Michael Cramer, der eindeutig massgeblicher Initiator dieser europäischen Initiative war und nach wie vor bleibt. Vorbild war für ihn seinerzeit die Berliner Mauer, die er seit 1974 kennt als er von irgendwo aus der alten Bundesrepublik in den westlichen Teil Berlins umgezogen war. Als dann die Mauer vor 25 Jahren nicht mehr existierte, begann man zehn Jahre später mit der Schaffung eines 160 Kilometer langen Radweges entlang der ehemaligen Grenze zwischen der Hauptstadt der DDR und Westberlin. Heute ist dieser Fahrradweg mit 900 Wegweisschildern einer der touristischen Höhepunkte der gesamtdeutschen Metropole. Man nimmt sogar an, dass etwa 80 Prozent aller Touristen, die jetzt nach Berlin kommen, sich so oder so für die ehemalige Mauer interessieren. Michael Cramer schrieb in den vergangenen Jahren einige Bücher über diesen Radweg und der Erfolg beflügelte ihn für weitere Ideen. Er tastete sich, sozusagen, an das gesamteuropäische Projekt heran, das jetzt zur Wirklichkeit geworden ist. Übrigens, die Länge des europäischen Radweges vom Norden bis Süden beträgt zehn Tausend Kilometer. Bei der Präsentation in Wien sagte Michael Cramer, der im Europäischen Parlament mittlerweile Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr und Tourismus ist, unter anderem folgendes: „Und wir wollen mit diesem Projekt zeigen: Geschichte, Politik, Natur und Kultur kann man im warsten Sinne des Wortes erfahren. Und mit dem Fahrrad, das ist schnell genug, um viel zu sehen, und langsam genug, um sich das anzuschauen. Und diese Tour, die geht von der Barentssee an der norwegisch-russischen Grenze bis zum Schwarzen Meer und geht durch 20 Länder und von denen sind heute 15 Migliedsstaaten der EU. Und wenn ich ihnen das vor 25 Jahren gesagt hätte, hätten sie gesagt, … der Typ spinnt… Der Routenverlauf ist nach 5 Kriterien: so nah, wie es geht, an der Grenze, so komfortabel wie möglich. 10 Kilometer Lochplatten auf den Patrulienwegen bin ich mal geradelt , nie wieder und würde ich auch nicht empfehlen. Dann stark befahrene Strassen vermeiden, das ist überraschend oft passiert, also wenige Ausnahmen sind auf der ganzen Tour, und die ehemaligen Grenzen oft überqueren, damit man das Gefühl hat, noch vor 25 Jahren war es nicht möglich und heute braucht man nicht einmal den Pass zu zeigen, kann man mal so rüber und so rüber. Und viele Erinnerungen, Zeugnisse der Geschichte, das kann ein verlassener Wachturm sein, ein Museum, ein Grenzzaun in die Route zu integrieren“.

FRAGE: Wie sind die russischen Regionen in dieses Projekt integriert?

ANTWORT: Wie bereits erwähnt, beginnt die Route knapp an dem Polarkreis am Ufer des Barentsees, wo Russland mit Norwegen einen relativ kleinen gemeinsamen Grenzabschnitt haben. Dann führt der Weg 1700 Kilometer durch Finnland ebenfalls entlang der Grenze mit der Russischen Föderation. Danach kommt wieder russisches Territorium mit den Städten Vyborg, Sankt Petersburg und Narva. Über die drei baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen gelangen die Radfahrer in das russische Gebiet Kaliningrad. Von dort führt der Radweg über Nordpolen westwärts zu der deutschen Grenze und dann geht es nach dem Süden entlang der ehemaligen Grenze des Warschauer Paktes mit dem Westen bis Griechenland und der Türkei. Es ist klar, dass für die Bewältigung der ganzen Route dem Enthusiasten vielleicht der volle Urlaub nicht einmal ausreicht, aber Michael Cramer hat es als Organisator einmal geschafft und hat während der Präsentation in Wien das mit vielen Bildern unter Beweis gestellt. Obwohl er mittlerweile auch nicht mehr der Jüngste ist. Und dafür gilt ihm nicht nur im Europäischen Parlament ein aufrichtiger Dank.

MOD.: Sie hörten den Bericht aus Wien unseres Korrespondenten Igor Belov