Mauer-Radweg: Idyllisch-schreckliche Rundreise

14.05.2012: Ein Bericht von Carsten Hebestreit, erschienen am 12. Mai 2012 auf nachrichten.at

Berlin – das ist viel Verkehr, Staub und Lärm. So erzählen’s Berlin-Urlauber. Doch die Millionen-Stadt hat noch eine ganz andere Seite – fast unberührte Natur, lautes Vogelgezwitscher, traumhafte Radwege. Durch diese beeindruckende Landschaft führt der Mauerweg. Jener Weg, der das Schandmal des vorigen Jahrhunderts begleitete – die Berliner Mauer.

162 Kilometer lang markierten die 3,6 Meter hohen Betonteile die Zonengrenze rund um Westberlin, nur 40 Kilometer davon lagen im dichtbesiedelten Stadtgebiet. Der überwiegende Rest schlängelt sich durchs Berliner Umland.

So idyllisch die Fahrt durch die teils uralten Wälder ist, so bedrückend sind die Momente, in denen der Radfahrer an die Szenen auf dem Todesstreifen erinnert wird. Diese Zeichen vergangener Zeit sind entlang der einstigen Grenze sehr oft anzutreffen.

Deutsche Gründlichkeit „Die Mauer muss weg!“, schrien Hunderttausende Demonstranten 1989 in der DDR. Der Rest ist Geschichte. Mit deutscher Gründlichkeit räumte die Stadt Berlin in den Monaten danach die Betonplatten weg – innerhalb kürzester Zeit. Denn die Berliner wollten das graue Mahnmal des Kalten Krieges nicht mehr sehen.

Einige wenige Rufer fanden allerdings, dass Teile der Mauer im Gedenken an die Teilung der Stadt erhalten bleiben sollten. Für die Generationen danach. Einer der Gegner des totalen Abrisses war Berlins Alt-Bürgermeister Willy Brandt. Mit den Jahren erkannten immer mehr Menschen, dass der Kahlschlag nicht im Sinne der Geschichte war.

Allerdings stellte die Stadt Berlin erst Anfang des Jahrtausends den Mauerweg unter Schutz, in den vergangenen beiden Jahren wurden entlang der einstigen Todeszone Säulen aufgestellt, die an die Mauertoten erinnern. Und an der Bernauer Straße, mitten in der Stadt, blieb nach Intervention der Bundesregierung ein 800 Meter langer Todesstreifen erhalten. Die Stadt wollte dort eine sechsspurige Straße bauen.

Um die bedrückende Geschichte der Mauer zu erfahren, sollten sich Radler zumindest drei Tage Zeit nehmen. Macht Tagesetappen von maximal 60 Kilometern – inklusive vieler Stopps an Mauerresten, Mahnmalen und romantischen Plätzen. Wo Radfahrer auf den Rundweg einbiegen, bleibt jedem Biker selbst überlassen. Ein netter Ausgangspunkt ist Potsdam, die Stadt der Schlösser. Jedenfalls ist nicht nur Sanssouci einen Abstecher auf zwei Rädern wert.

Erster Etappentag Zwischen Potsdam und Berlin spannt sich die Glienicker Brücke. Auf der Konstruktion tauschten Ost und West ihre entlarvten Spione aus. Zuletzt, im Jahr 1986, übertrug das deutsche Fernsehen live, nachdem die Übergabe an Medien durchgesickert war.

Entlang des Wassers durch herrliche Laubwälder führt der „Grenzweg“, wie die Fahrbahn auf westlicher Seite hieß, bis nach Wannsee – vorbei auch an dem Haus, in dem 1943 die berüchtigte „Wannsee-Konferenz“ stattfand.

Mit der Fähre (25 Radstellplätze, 3,80 Euro) dauert die Überfahrt nach Kladow knapp 20 Minuten. Ein paar Tritte genügen und die Tour führt über den „Kolonnenweg“ – so hieß der Weg auf östlicher Seite. Die breite Narbe in der Natur soll zuwachsen. Darum ließ die Kommune dort Föhren anpflanzen. Und es wäre nicht Deutschland, wäre das Nadelgehölz nicht in Reih und Glied gesetzt worden.

Ein andere Eigenheit ist typisch für den einstigen Osten: Die verfluchten Dehnungsfugen im Betonplatten-Weg. Das Tack-Tack erinnert ein wenig an Fahrten auf alten Eisenbahnstrecken.

Am Großen Glienicker See trifft ältere Geschichte auf die Neuzeit. Vor dem Mauerbau lagen Dutzende Villen mit ihren riesigen Gärten direkt am See. Die DDR enteignete die Villenbesitzer und baute entlang des Ufers den Todesstreifen. Inzwischen sind die Wege beliebtes Ziel von Spaziergehern und Radfahrern – sofern der Durchgang nicht blockiert ist. Denn die Villenbesitzer fordern die einst enteigneten Quadratmeter zurück. Ein Urteil in diesem heiklen Gerichtsverfahren steht noch aus.

In Spandau führt die Tour durch typisch deutsche Vorstädte: Einfamilienhäuser mit gestylten Gärten. Wobei rechts, im Westen, die älteren Gebäude stehen und links, im einstigen Osten, neue, architektonisch anspruchsvolle Prachtbauten – neues Leben auf dem ehemaligen Todesstreifen.

Nach der traumhaften Route durch den Spandauer Forst ist ein Stopp beim Grenzturm Nieder Neuendorf – inklusive des kleinen Museums – direkt an der Havel Pflicht. Daneben ragen Mahnmäler in die Höhe, auf denen Mauertote plötzlich Gesichter bekommen: Auf Tafeln werden persönlichen Schicksale geschildert. Und der Widerspruch lebt: Die Umgebung ist idyllisch, die Erzählungen sind erschütternd.

Zweiter Etappentag Der erste Grenzbalken öffnete 1989 am Übergang Bornholmer Straße – und Tausende DDR-Bürger strömten nach West-Berlin. Heute radelt man am historisch bedeutenden Platz ungewollt vorbei – so unscheinbar ist der einstige Grenzübergang. Dafür lohnt ein längeres Verweilen an der Bernauer Straße. Der Mauerpark wird mit 3,60 Meter hohen Stahlstehern begrenzt – exakt dort, wo einst die Mauer die Grenze bildete. Im Rasen sind die Flucht-Tunnel markiert, durch die DDR-Bürger in die Freiheit krochen. Ein ganz kleines Stück „Todesstreifen“ ist inklusive Wachturm noch im Original erhalten, ein paar Schritte weiter hat das dazupassende Museum geöffnet.

Entlang der Spree und vorbei am Sitz der deutschen Regierung liegt das wohl bedeutendste Bauwerk Berlins auf der Radlroute: das Brandenburger Tor. Dort, wo schon immer die mächtigsten Politiker der Welt die Bögen durchschritten, schlendern heute täglich tausende Touristen aus aller Welt hindurch.

Im Kalten Krieg war der Grenzübergang Checkpoint Charly oft im Fokus der verfeindeten Atommächte, heute ist der Ex-Übergang zum Touristen-Kitsch verkommen.

Ein paar Meter weiter ragt ein Eisenrohr in die Höhe – in Gedenken an Peter Fechter, den ersten Mauertoten (1962). Eineinhalb gemütliche Radlstunden weiter steht ein ähnliches Mahnmal – in Gedenken an den letzten Mauertoten, Chris Gueffroy (Februar 1989).

Dazwischen lässt sich Kultur genießen – an der East Side Gallery: 118 Künstler haben dort die Original-Mauer bemalt.

Dritter Etappentag Im Süden Berlins führt der Mauerweg durch weite Wiesen, traumhafte Wälder und biedere Vororte ehe der Ausgangsort Potsdam erreicht wird. Dort lohnt ein kleiner Umweg (die vorgeschlagene Route entlang der Havel ist ohnehin durch Hausbesitzer blockiert) über die Karl-Marx-Straße. Wen wundert’s: Dort stehen die wohl prächtigsten Villen der ganzen Tour.

20 Schüsse gaben DDR-Grenzsoldaten am 17. August 1962 auf den flüchtenden Peter Fechter ab. Fechter lag eine Stunde im Todesstreifen, ohne dass jemand half. Der 18-Jährige war der erste Mauertote. 136 Menschen starben entlang der Berliner Mauer. „Mindestens“, sagt die „Stiftung Berliner Mauer“. Konkret: 98 Flüchtlinge, 30 Menschen ohne Fluchtabsichten sowie acht DDR-Grenzsoldaten. 162 Kilometer lang ist der Mauerweg um West-Berlin. Weil sich der Grenzverlauf immer wieder änderte, variieren auch die Längen.

Was Sie noch wissen sollten! Wo ist die Mauer? Mit deutscher Gründlichkeit ging Berlin ans Werk und entfernte nach der Wiedervereinigung Deutschlands in kürzester Zeit die verhasste Mauer, die 28 Jahre lang die Stadt geteilt hatte. Heute sind nur noch ganz wenige Original-Mauerreste zu sehen. Weil nicht nur Touristen fragen „Wo ist die Mauer?“, ließ die Kommune eine doppelte Kopfsteinpflasterreihe entlang des Grenzverlaufes durch die Innenstadt legen. Auch der jüngeren Generation, die das Mahnmal der Schande nicht mehr selbst erlebt hat, soll so die Unmenschlichkeit dieses Bauwerkes bewusst gemacht werden.Bis zum Mauerbau im Jahr 1961 waren übrigens vier Millionen Menschen über die Grenze in den Westen geflüchtet.

Kunstwerk 1316 Meter ist eines der wohl längsten Kunstwerke dieser Welt lang: die East Side Gallery. Dort bemalten 118 Künstler aus 21 Ländern einen Teil der Hinterlandmauer entlang der Spree. Abgesehen von der Kunst lohnt die Einkehr in eines der unzähligen Beach-Cafés dahinter.

Radweg-TippsEin paar Hinweise, die für die Radrundreise um Berlin wichtig sind, finden Sie hier:

Etappen: Der offizielle Mauerweg ist 162 Kilometer lang. Geübte Radfahrer hätten die Distanz in zwei Tagen heruntergespult. Doch für die Berliner Tour sollten sich Zweirad-Fahrer mindestens drei Tage Zeit nehmen. Denn entlang der Strecke stehen unzählige Mahnmale, großteils mit Texten. Wie etwa die neuen Stelen, an denen der Mauertoten gedacht wird. Erzählt wird dabei das Schicksal der jeweiligen Toten. Also: Genug Zeit zum Lesen und Fotografieren einplanen!

Weg-Qualität: „Kolonnenweg“ hieß die schmale Straße im Todesstreifen. Die Dehnungsfugen, an denen sich die Asphalt- und Betonränder aufgewölbt haben, strapazieren jedes Radler-Gesäß. Dafür fordern nur wenige, kurze Steigungen die Radler-Wadeln.

Unterkünfte: Die „bikeline“-Ausgabe über den Mauerweg verzichtet auf Angaben zu Unterkünften entlang des Weges. Vor allem in den Vororten sind Hotels und Gasthöfe sehr spärlich gesät. Wer ein Smartphone hat, sollte sich vor der Reise eine entsprechende App herunterladen. Für das iPhone (und das iPad) zu empfehlen ist CityMaps2Go, denn die App kann auch im Offline-Modus genutzt werden.

Essen: Die Berliner Erfindung schlechthin ist die Currywurst. Weil nach dem Zweiten Weltkrieg Senf Mangelware war, mischte Herta Heuwer Ketchup mit Zutaten, die ihre Lieferanten lagernd hatten. Heraus kam die pikante Gewürzsauce. Wobei in Berlin die Bratwurst favorisiert wird, in anderen Regionen ist die Bockwurst die typische Currywurst. Eine Berliner Spezialität ist auch die Variante „ohne Darm“ – sprich: die Currywurst ohne Haut.

Auf Tour mit dem praktischen Format Viele (Rad-)Wege führen rund um und durch Berlin. Einen praktischen Wegweiser haben die Profis von „bikeline“ im Programm. In bewährter Qualität führt das Team die Radfahrer auf dem Mauerweg entlang, der allerdings von der offiziellen Route abweicht. Speziell im Berliner Süden herrscht oft Verwirrung um den richtigen Weg. Herausragend sind die präzisen Beschreibungen vom Autor dieses Bandes, Michael Cramer. Er erzählt in einem kompakten Stil die Besonderheiten des Mauerwegs plus die geschichtlichen Hintergründe. Wäre die „bikeline“-Ausgabe, die im praktischen Querformat erscheint, kein Radwegführer, könnte der Band auch als fundiertes Geschichte-Buch durchgehen.