Grenzsteintrophy 2012: Mit Mountainbike und GPS den einstigen Grenzverlauf entlang

10.07.2012: von Marco Bertram auf turus.net, 20 Juni 2012

1.378 Kilometer Länge. Als schier unüberwindbares Bollwerk zog sich die deutsch-deutsche Grenze von der Ostsee bis zum einstigen Dreiländereck von BRD, DDR und CSSR. Über 22 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs deutet am sogenannten grünen Band – abgesehen von den zahlreichen Gedenkstätten und Grenzmuseen – nur noch wenig auf die Zeit der deutschen Teilung hin. Allein der Kolonnenweg mit den markanten Betonplatten weist vielerorts darauf hin: Hier befand sich einst der Grenzverlauf. Mancherorts wurde in den 90er Jahren jedoch auch der Kolonnenweg entfernt.

Entlang des Verlaufs der ehemaligen innerdeutschen Grenze lässt sich bekanntlich einiges machen. Wanderungen auf dem grünen Band von Süd nach Nord (von uns im Sommer 2003 erfolgreich von Prex nach Priwall umgesetzt), Radtouren auf dem mittlerweile ausgearbeiteten Iron Curtain Trail oder gezielte Tagestouren zu einem der Grenzmuseen von Schlagsdorf über Point Alpha bis nach Mödlareuth.

Eine etwas andere Form der Grenzerkundung findet bei der Grenzsteintrophy statt. Bereits zum vierten Mal nach 2009, 2010 und 2011 startete die GST am 16. Juni 2012 am Ostseestrand auf Priwall bei Lübeck-Travemünde. Unterwegs sind derzeit Mountainbikefahrer, die entlang des einstigen Grenzverlaufs in Richtung Süden fahren. Vorgegeben wurden nur ein gemeinsamer Startpunkt, die Startzeit und ein GPS-Track. Mit Hilfe von neun Streckenscouts wurde ein 15 Kilometer breiter Korridor kreiert, in dem sich die Teilnehmer fortbewegen dürfen. Nachdem es in den drei Jahren zuvor nur exakt auf dem Grenzverlauf vorangehen durfte, kann 2012 auch auf nahe Waldwege, kleine Straßen und Feldwege zurückgegriffen werden. Logischerweise kann auch nonstop der Plattenweg genutzt werden, doch ist dieser auf einigen Abschnitten kaum noch befahrbar.

Die aufgestellte Regel ist eindeutig: Die Tour findet im Selbstversorgermodus statt. Keine Organisation von außen. Die Ausrüstung muss selbst transportiert oder auf der Tour beschafft werden. Ob man unter freiem Himmel, im Zelt oder in einer Herberge schläft, ist indes jedem Teilnehmer freigestellt. Beim Blick aus dem Fenster kann man da nur sagen: Gut so! Allerdings durfte im Vorfeld nichts organisiert werden. Keine Zimmerbuchungen, keine private Hilfe entlang der Strecke, keine Terminabsprachen. Maximales Abenteuer – so das Motto der Grenzsteintrophy, kurz GST. Der Zufall will es, dass manch ein ehemaliger DDR-Bürger beim Begriff „GST“ prompt an die einstige vormilitärische „Gesellschaft für Sport und Technik“ denken muss. Dies ist jedoch nicht der einzige Punkt, der manch einem bitter aufstößt. Kritik wurde bereits in den vergangenen Jahren laut. Mountainbiken auf dem einstigen Todesstreifen? Das finden einige extrem geschmacklos.

Sei, wie es sei. Die Ansage des Veranstalters ist klar und deutlich: „Selbstversorgerfahrten verstehen sich als Gegenpol zu den überzüchteten Massenveranstaltungen mit ihren Negativerscheinungen wie Umweltzerstörung, Doping, Konformismus und Kommerz.“ Neutral betrachtet: Interessant ist diese Tour allemal, denn über das Internet kann in Echtzeit verfolgt werden, wo genau die jeweiligen Fahrer sich gerade befinden. Das „GPS-Live-Tracking“ macht es möglich. Mogeln ist ausgeschlossen. Die farbigen Linien zeigen exakt an, wo der Teilnehmer entlanggefahren ist und wo er sich gerade aufhält. So ist hübsch zu sehen, dass sich Spitzenreiter Gunnar F. soeben östlich der Ortschaft Renda aufhält und auf einem Feldweg in Richtung Nesselröden radelt. Verfolger Eispickel ist indes noch nicht ganz so weit. Er steckt derzeit (12:40 Uhr) kurz vor Schnellmannshausen. Bei Großburscha und Treffurt haben beide unterschiedliche Routen gewählt. Auf dem waldigen Abschnitt zuvor fuhren beide dagegen den gleichen Weg entlang. Keine Frage: Eispickel muss mit Martin Rahn gemeinsam gefahren sein. Gleiche Route, derzeit gleicher Standort bei Schnellmannshausen.

Sich ein wenig im Gehölz verfahren hat wohl gerade der Brite Aidan Harding. Während Gunnar F. bereits auf dem Weg nach Süden ist, steckt Harding noch im dichten Wald von Graburg. Noch mitten im Harz ist Axel Werner unterwegs. Bei Hohegeiß sucht er gerade die richtige Spur. Dagegen im südlichen Harzer Vorland befinden sich bereits die beiden Teilnehmer Peter Haas und Beat Vogel. Kopf an Kopf bei Weißenborn-Lüderode. Den Harz noch vor sich hat Hans-Dirk Gittermann, der zuvor einen Abstecher nach Vienenburg gemacht hatte. Als er sich der roten Linie des Korridors bedrohlich genähert hatte, kehrte er um und wählte die Straße in Richtung Stapelburg...