Grenzerfahrung im Sattel

01.07.2015: Artikel von Daniel Friedrich Sturm erschienen in Der Welt am 3. Mai 2015

Eine Brücke muss her. Der Kalte Krieg ist doch vorbei. "Das geht so gar nicht", sagt Michael Cramer. Verhandelt hat er neulich mit Bürgermeistern, dem Gouverneur, dem Verkehrsminister, also den Verantwortlichen für diesen Teil des Radwegs an der Schwarzmeerküste. Auch hier soll es künftig keine Hindernisse und Umwege mehr geben. Rezovo, der südlichste Ort Bulgariens, und die türkische Ortschaft Beğendik werden getrennt durch eine Staatsgrenze, die hier Außengrenze der EU ist. Und durch einen Fluss. Wer aus Bulgarien kommt und in die Türkei will, muss den sich schlängelnden Fluss Rezovo etwa 70 Kilometer weit umfahren.

Michael Cramer, Jahrgang 1949, grüner Europaabgeordneter, will das ändern. Cramer ist Erfinder und Initiator des "Iron Curtain Trail", des Europa-Radwegs Eiserner Vorhang. "Vor 26 Jahren hätte man jeden mit einer solchen Idee für bekloppt erklärt", sagt er. Ausbauen, beschildern und bewerben will Cramer diesen rund 10.000 Kilometer langen Weg, der an der Barentssee beginnt und – bisher – in Rezovo am Schwarzen Meer endet. Mit einer Brücke über den Fluss ließe es sich besser nach Istanbul radeln, bis dahin sind es noch etwa 160 Kilometer. Der Bosporus wäre in Cramers Augen für den Europa-Radweg ein idealer Ziel- oder Startpunkt, je nachdem.

Mit Grenzen und scheinbar nicht überbrückbaren Gegensätzen kennt sich Cramer aus. Kurz nach dem Mauerbau, in den 1960er-Jahren, reiste der Westfale mit der Fußballjugend vom TuS Ennepetal und der Kirchengemeinde nach Berlin. Immer wieder zog es den jungen Mann mit seiner neuen Kamera an die Mauer. Cramer fotografierte vom "freien" Wedding aus das im Ostteil stehende markante Eckhaus, neben dem die Oderberger Straße in die Bernauer Straße mündet. Bei jeder Berlin-Reise machte er hier Aufnahmen. Er tat das auch noch, nachdem er im Jahre 1974 zum Lehramtsstudium nach Berlin gezogen war.

Anfang 1989 wurde Cramer erstmals ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt. Als wenige Monate später die Mauer fiel, hatten die Grünen und der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) eine gemeinsame Idee. Dort, wo einst gewacht und geschossen wurde, "da wollten wir einen Radweg bauen", blickt Cramer zurück. Er konzipierte den Berliner Mauerradweg, setzte ihn gegen Widerstände aus der Opposition heraus durch. Zehn Jahre nach der Einheit war der Mauerradweg, 160 Kilometer um das frühere West-Berlin herum, fertig. Cramer gab ein Radtourenbuch samt Karte dazu heraus, auf Deutsch und Englisch. Kürzlich erschien die siebte Auflage.

Bernauer Straße, Ecke Oderberger Straße, ein Sonntagnachmittag im April. Wo sich einst Berlin und Europa teilten, schlendern die Menschen in den Mauerpark, trinken Kaffee, essen Eis in einem der vielen Cafés. Cramer steigt von seinem blauen Fahrrad, 14 Jahre ist es alt. Stark befahren wird der Mauerradweg hier. Hier schieben viele Touristen ihr Rad, studieren neugierig Schautafeln und Fotos, die an die Mauer erinnern.

Cramer aber spricht von seinem aktuellen Projekt, dem Europa-Radweg. Im Jahre 2005 hatte das Europäische Parlament den Iron Curtain Trail mit breiter Mehrheit beschlossen. Die EU kofinanziert die Route, die durch 15 ihrer Mitgliedstaaten führt. Fertiggestellt aber ist sie noch lange nicht. Das liegt vor allem an nationalen Regierungen in und außerhalb der EU. Das Radfahren in Sankt Petersburg oder Kaliningrad etwa nennt Cramer "eine Katastrophe". An die polnische Regierung appelliert er, den Ostseeküstenradweg, hier identisch mit dem Iron Curtain Trail, auszuschildern. Einige Streckenabschnitte seien "als Radweg inakzeptabel", schrieb er in einem Brief nach Warschau. Auch im hohen Norden ist der Ausbau noch nicht optimal. Dabei sei eine Beschilderung in dieser fast menschenleeren Region nicht teuer. "Hier gibt es nur alle 300 Kilometer einen Abzweig. Und in Lappland begegnet man mehr Rentieren als Autos."

Sehr weit ist Ungarn, das Land hat am schnellsten investiert. Der serbische Teil, entlang der Donau, lockte im Jahre 2008 gerade einmal 500 Rad-Touristen, vier Jahre später waren es schon 13.000. Jeder Euro für Radwege sei sinnvoll investiert, sagt Cramer. Der Rad-Tourismus wachse jährlich um etwa 20 Prozent, und: "Fahrradtouristen geben mehr aus als Autofahrer. Die wollen nach einem anstrengenden Tag besser essen und ein schöneres Hotelzimmer beziehen als Auto-Reisende."

Manchmal wundert sich Cramer über sich selbst, etwa wenn er daran denkt, wie er als junger Mann mit dem Auto von Berlin an die Ägäis fuhr. "Seit 1979 bin ich ohne Auto mobil", sagt er. "90 Prozent aller Autofahrten in den deutschen Städten entfallen auf Strecken von weniger als sechs Kilometern", zitiert er aus einer Studie und schüttelt verständnislos den Kopf.

Der Verkehr in Europa sei zu billig, die Mehrwertsteuer weitgehend außer Kraft gesetzt, kritisiert Cramer. Die Bahn habe in puncto Fahrrad-Mitnahme "nix begriffen". Die EU-Finanzmittel für Verkehr flössen zu 60 Prozent in Straßen, zu 0,7 Prozent in Radwege. Cramer hält das für unverhältnismäßig – wo doch das Radfahren immer populärer werde. "Je mehr Leute Rad fahren, desto sicherer ist es", lautet seine These. Gerade einmal 0,1 Prozent der Radfahrer in den Niederlanden trügen Helm, in den USA seien es 38 Prozent. Und wo bitte sei das Radfahren sicherer als in Holland? Eine Helmpflicht lehnt Cramer rigoros ab. Der Helm mache manchen Autofahrer noch übermütiger, sagt er (und lässt unerwähnt, dass auch mancher Radfahrer mit Helm eher geneigt ist, sich und andere zu gefährden).

Ein Abend in der engen, gemütlichen Geschäftsstelle des ADFC Berlin. Cramer hält einen Diavortrag über den Iron Curtain Trail – und beginnt natürlich mit dessen Vorbild, dem Mauerradweg. Ein Foto aus dem Jahre 1985 zeigt das Haus an der Ecke Bernauer/Oderberger Straße – hinter der modernen Mauer und dem feinen Sand des Todesstreifens. Er erinnert an die Mauertoten, an Chris Gueffroy, den letzten von ihnen, erschossen am 5. Februar 1989. Er spricht von der einstigen Grenze in Europa, die jetzt den Iron Curtain Trail bildet. Rund 5000 Kilometer habe er darauf zurückgelegt, berichtet Cramer. Sein Sohn fuhr mit Freunden von Kirkenes in Norwegen nach Sankt Petersburg, allein 1700 Kilometer entlang der russisch-finnischen Grenze. Drei Tage lang sahen die jungen Männer keine anderen Menschen.

Der Verlauf des Iron Curtain Trail orientiert sich an der Grenze des Warschauer Pakts; das einstige Jugoslawien zählte nicht zu dem östlichen Militärbündnis. "Kein jugoslawischer Soldat hat je einen Flüchtling erschossen", sagt Cramer. Mit Fotos und Geschichten schildert er beim ADFC die Route, beginnend in Grense Jakobselv an der Barentssee, "hier seht ihr einen norwegischen Grenzpfahl, dort einen russischen Wachturm". Manchmal wähnt man sich im Geschichtsunterricht, der Lehrer in ihm kommt dann durch. Im Okkupationsmuseum in Riga ist das geheime Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt zu sehen, sagt Cramer: "Wir wissen alle, dass Deutschland am 1. September 1939 Polen überfallen hat. Dass die Sowjetunion ihren Krieg gegen Polen am 17. September 1939 begann, wissen wenige."

Fünf Kriterien hatte Cramer für den Verlauf des Iron Curtain Trail formuliert: Möglichst nah an der Grenze soll er verlaufen, man soll möglichst häufig die Seite wechseln können, der Untergrund soll komfortabel sein, stark befahrene Straßen sollen gemieden und Zeugnisse der Geschichte gut erreichbar sein. Im Norden setzte er einen dieser Grundsätze außer Kraft. Die Route verläuft auf norwegischem und finnischem Gebiet, führt aber nicht nach Russland hinein – wegen der Visumsschwierigkeiten. Erst weiter südlich ist die Einreise nach Russland vorgesehen, Sankt Petersburg liegt auf der Mitte dieser rund 300 Kilometer langen Etappe. "Ein russisches Visum ist leider nötig, und zu allem Überfluss ist es teuer", sagt Cramer.

Spaß mache es, auf der Kurischen Nehrung zu fahren, erzählt Cramer. Memel (Klaipeda) müsse man sehen, Thomas Manns Sommerhaus in Nida, und natürlich Königsberg (Kaliningrad) mit Kant-Denkmal und Dom. "Die Solidarność hatte zehn Millionen Mitglieder, die KP 2,5 Millionen", sagt Cramer, während er Fotos aus Danzig zeigt: "Ohne den Mut dieser Massen wäre die Berliner Mauer nicht zum Einsturz gebracht worden."

Zwischen der DDR und Polen herrschte "nur acht Jahre visafreier Verkehr", erfahren wir. Wir eilen auf der Leinwand nach Mödlareuth ("Little Berlin"), über Sopron, wo 1989 pan-europäisch gepicknickt wurde. "Die ungarischen Militärs wollten schon 1987 den Eisernen Vorhang abbauen", berichtet Cramer. So schildert er während seines Diavortrags den Radweg Etappe für Etappe. Am Ende, an der bulgarisch-türkischen Grenze, berichtet er von seinem Brücken-Plan.

In den kommenden Monaten wird Cramer Radfahrer in den Norden Berlins zur einstigen DDR-Enklave mit dem hübschen Namen "Entenschnabel" führen, und zur Sacrower Heilandskirche, deren Turm einst in die Mauer integriert war. Beim Diavortrag zeigt er eines seiner Fotos, das die durch die Mauer völlig abgeschottete Kirche Ende der 1980er-Jahre zeigt. Michael Cramer schweigt eine Weile, und fragt dann nur: "Unglaublich, oder?"