Genussidyll Burgenland

30.03.2015: Artikel, erschienen im St. Galler Tagblatt am 29.3.2015

Kann man's glauben? Es ist nicht lange her, da deklarierte die EU das Burgenland zum "Ziel-1-Gebiet" – als eine förderungsbedürftige Region, die wirtschaftlich unterentwickelt war. Doch die Förderprogramme zeigten bald Wirkung: Heute schaut so manche Region Österreichs neidisch auf die burgenländischen Entwicklungen. Vor allem in Sachen Kulinarik und Weine hat das kleinste österreichische Bundesland ganz im Osten die Nase vorn. Hinzu kommt eine europaweit einzigartige Vielfalt in Fauna und Flora, die nicht zuletzt dem Aufeinandertreffen der atlantischen und der kontinentalen Klimaregion geschuldet ist: Sehr heisse, niederschlagsarme Sommer und überdurchschnittlich kalte, aber trockene Winter prägen das Klima des Burgenlands.

Schafe zwischen den Reben

Das freut auch die Winzer: Rund 8000 burgenländische Weinbaubetriebe bearbeiten heute ein Anbaugebiet von 16 500 Hektaren Weinland. Einer dieser Weinbauern ist Josef Umathum. Den im Nordburgenland gelegenen elterlichen Bauernhof verwandelte er im Laufe der letzten Jahrzehnte in ein renommiertes Weingut, das er in spannenden Führungen mit anschliessender Weinverkostung interessierten Besuchern gerne zeigt. Sowohl den Anbau der Gewächse als auch den Ausbau der vergorenen Säfte gestaltet er nach biodynamischen Erkenntnissen. Sein Erfolgsrezept: "Wir greifen ebenso auf technische Neuerungen wie auf ganzheitliche Ansätze zurück, beispielsweise setzen wir gezielt andere Pflanzen zwischen die Rebstöcke und lassen zu bestimmten Zeiten auch Schafe in den Weinbergen weiden." Und Umathum ist nicht der Einzige mit guten Ideen. Die burgenländischen Winzer zeigen sich von der kreativen Seite. So bieten sie neben exquisiten Weinen etwa originelle Unterkünfte an – "pannonisch wohnen" nennen erfinderische Köpfe im Südburgenland eigentümliche Wohnformen auf Bauernhöfen, die man mieten kann, oder in umgebauten "Kellerstöckeln", wo einst Wein gekeltert wurde.

Zwischen dem Neusiedlersee und den südlichen Regionen lassen sich neben dem Weinbau aber auch weitere Landwirtschaftszweige wie die Gänsezucht oder den Tomatenanbau entdecken: So ist Erich Stekovics mit über 3000 Tomatensorten der unangefochtene "Kaiser der Paradeiser". Und was vom Aussterben bedrohte Handwerksarten betrifft, liefert der Indigo-Handblaudruck der Familie Koó Anschauungsmaterial: Mit einfachsten, über 100 Jahre alten Werkzeugen färbt und bedruckt sie in der dritten Generation Textil und Leder.

Action und Naturschutz

Neben Altehrwürdigem bietet das Burgenland auch neueste Trends mit Coolness-Faktor. In den Sommermonaten steppt am Neusiedlersee der Bär. Die windexponierte Lage macht das Gewässer zum heissbegehrten Tummelplatz für Wassersportler – Segeln und Surfen haben in der warmen Jahreszeit Hochkonjunktur. Davon zeugt etwa der weltweit zweitgrösste Surfevent in Podersdorf: Was in der Welt der Wind- und Kitesurfer Rang und Namen hat, fährt zum Surf Worldcup am Steppensee.

Die Grösse des Sees gewährleistet trotzdem weitläufige Ruhezonen, die einer Vielzahl seltener Pflanzen und verschiedensten Tierarten wichtiges Refugium sind. Ob Störche, Blesshühner, Silberreiher oder Seeadler – sie alle haben zwischen Seewasser, Schilfgürtel und den umliegenden prähistorischen Salzwasserlaken paradiesische Nahrungs- und Lebenszonen gefunden. Unter Anleitung umsichtiger Ranger kann man der pannonischen Tier- und Pflanzenwelt der burgenländischen Nationalparks in Kleingruppen sowohl zu Fuss wie im Geländefahrzeug nachhaltig auf den Grund gehen. Angeboten werden solche Safaris von der 2009 in Frauenkirchen errichteten "St. Martins Therme & Lodge".

Mit dem Velo unterwegs

Naturexkursionen lassen sich auch per Velo gestalten auf Radwegen durch das Bundesland. Von besonderer Brisanz ist der Iron-Curtain-Trail: Er führt der Grenze zu Ungarn entlang. Wer ihn abfährt, begibt sich auf eine Zeitreise in den Kalten Krieg. In der Donaumonarchie gehörte das heutige Burgenland noch zum Königreich Ungarn und wurde erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs Österreich zugeschlagen. Geblieben ist eine lange Grenze zwischen dem Burgenland und Ungarn. Seit der Eiserne Vorhang 1989 gefallen ist, besinnt man sich nach und nach wieder auf die gemeinsame Vergangenheit mit den östlichen Nachbarn.