Radeln zwischen Ost und West

23.07.2014: Artikel von Matthias G. Bernold, erschienen in der Wiener Zeitung vom 23.7.2014

Michael Cramer, Vorsitzender des EU-Verkehrsausschusses, präsentierte Radweg entlang des einstigen Eisernen Vorhangs.

Wien. Was den Fahrrad-Ständer vor dem schicken neuen Gebäude der Europäischen Union in der Wipplinger Straße betrifft: Das niedrige, chromblitzende Stahlkringelding ist vielleicht optisch attraktiv, jedoch von mangelhaftem Gebrauchswert: Ein Felgenkiller ersten Ranges, an den das Anketten äußerst kompliziert ist. Grund genug für einige Wiener Radfahrer, an diesem Montag ein wenig zu matschgern. Wiewohl der Anlass der Zusammenkunft ein grundsätzlich positiver war.

Hatte es doch Michael Cramer nach Wien verschlagen. Der grüne EU-Parlamentarier ist eine der Identifikationsfiguren der europäischen Fahrrad-Bewegung. Erst kürzlich wurde der Deutsche zum Vorsitzenden des parlamentarischen EU-Verkehrsausschusses gewählt. Ein schönes Signal für eine umwelt- und lebensfreundliche Verkehrspolitik in Europa. Eines der Aushängeschilder hierfür ist der Eurovelo 13, der Iron Curtain Trail. Der von Cramer erfundene europäische Fernreise-Radweg, der sich über 9000 Kilometer von der Barentssee entlang der Westgrenze der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten durch 20 Länder bis zum Schwarzen Meer zieht. Ein Radweg, der es ermöglichen soll, Zeitgeschichte, Politik, Natur und Kultur gleichermaßen zu - wie es Cramer ausdrückt - "er-fahren": "Das Fahrrad ist schnell genug, um überall hinzukommen und langsam genug, um sich alles anzuschauen."

Referenzprojekt der EU Geprägt von seinen Jugendjahren im geteilten Berlin, ist Cramer (Jahrgang 1949) fasziniert von der Idee eines zusammenwachsenden Europa. In Berlin entwickelte er den Mauer-Radweg mit. Der Iron Curtain Trail war da - wenn man so will - die logische Weiterentwicklung. "Wir haben in diesem Jahr ein geschichtsträchtiges Datum", erklärte der Grün-Politiker im voll besetzten Veranstaltungssaal des Europa-Hauses am Montag: "100 Jahre Beginn des Ersten Weltkriegs, 25 Jahre Mauerfall, zehn Jahre EU-Osterweiterung. Keines dieser Ereignisse hätte es ohne das jeweils andere gegeben. Das wollen wir mit diesem Projekt zeigen."

Vor inzwischen zehn Jahren begann Cramer mit der Konzeption des Radwegs, holte sich die Unterstützung im EU-Parlament und befuhr Grenzgebiete, um eine vorläufige Route zu erstellen. Das Ziel war eine Strecke möglichst nahe der Grenze, "um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Europa vor dem Mauerfall ausgesehen hat". Bei der Präsentation am Montag zeigte Cramer Fotos von Freiluftmuseen, Wachtürmen, Gedenktafeln für die beim Fluchtversuch aus dem ehemaligen "Ostblock" Erschossenen, Ausstellungen und übrig gebliebene Stücke der Grenzwälle. "Wir wollen an die schreckliche Zeit der Spaltung erinnern", erklärte Cramer: "Wir Zeitzeugen können uns nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die sich nicht vorstellen können, was damals für uns Realität war. Wir müssen ihnen davon erzählen."

Im Jahr 2005 wurde der Iron Curtain Trail mit Stimmen aus allen Ländern aller Fraktionen zum europäischen Projekt erkoren. Als Exempel für eine umweltfreundliche Form der Mobilität und als Symbol eines wieder vereinigten Europas. Seit 2010 fördert die EU den Ausbau der Rad-Infrastruktur mit finanziellen Mitteln.

Anwesend bei der Veranstaltung war auch EU-Kommissar Johannes Hahn, der seit 10. Februar 2010 für Regionalpolitik zuständig ist: Der Iron Curtain Trail stehe für "das Überwinden von Barrieren im Kopf", schwärmte der EU-Kommissar. "Das Wunderschöne am Radreisen in Europa ist, dass man sich körperlich betätigen kann, dass man eine ganze Menge über Europa lernt, und vor allem: dass wir einander immer besser gegenseitig kennen und verstehen lernen."

Während die Trassenführung des Eurovelo 13 in Österreich zwar weitestgehend fixiert wurde, erfolgt die Beschilderung je Bundesland unterschiedlich: Während im Burgenland die gesamte Beschilderung bis spätestens 19. August (zum burgenländisch-ungarischen Festakt zum 25-jährigen Jubiläum des Falles des Eisernen Vorhangs beim Picknickplatz Sopron/Grenzübergang St. Margareten) fertiggestellt sein soll, wurde in Niederösterreich bis April 2014 eine - bis Mai 2015 provisorische - Beschilderung für den Eurovelo 13 vorgenommen. In Oberösterreich ist aktuell grundsätzlich gar keine explizite Eurovelo-Beschilderung vorgesehen.

Eurovelo als Knochenarbeit Die Umsetzung einer großen Idee in die Realität beschreibt der österreichische Eurovelo-Koordinator Christian Weinberger im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" als "Knochenarbeit". Bereits im Jahr 2007 schlug Cramer für Österreich einen ersten Trassenverlauf vor. Damals noch ohne Detailgespräche mit den rund 40 betroffenen Gemeinden, denen aber in Österreich maßgebliche Gestaltungsmacht zukommt.

Erst die regionalen Projektierungsgespräche mit den Ländern, Gemeinden und Tourismusverbänden führten zur nunmehr akkordierten Trassenführung, bei der neben der Nähe zum Eisernen Vorhang auch andere Aspekte wie historische Einrichtungen, aber auch Betriebe oder öffentliche Verkehrsanbindung zu berücksichtigen waren.

Und diese Gespräche verliefen nicht immer einfach. "Nicht jeder Bürgermeister ist ein Fahrradfreund", berichtet der Eurovelo-Koordinator, "Gemeinden haben nicht selten andere Motive - wie etwa Güterwegesanierung - statt einer idealen Fernradwegtrasse." Seit November 2013 geht es aber auch in Österreich flott voran. "Wir haben jetzt durchgängig provisorisch ausgeschildert", erklärt Weinberger augenzwinkernd.

Motor für den Tourismus Ein Anreiz für die Gemeinden, Radwege wie den Iron Curtain Trail in den Ort zu holen, ist schließlich auch der Fahrradtourismus, der eine der extrem stabilen und tendenziell wachsenden Sommertourismusarten darstellt. "Mit Radtourismus haben wir das einfachste, nachhaltigste und billigste Konzept, in Wertschätzung mit der Natur Grenzregionen zu fördern", erklärt Weinberger der "Wiener Zeitung".

Gerade die Verknüpfung von Fahrradtourismus und Geschichte erweist sich als erfolgsversprechend. "Der Berliner Mauer-Radweg, der auch dem Iron Curtain Trail als Vorbild gedient hat, ist heute ein touristisches Highlight", berichtet Cramer: "80 Prozent der Touristen kommen nach Berlin wegen der Geschichte. Fahrradtouristen geben mehr Geld aus als Autotouristen. Sie wollen sich, wenn sie eine schöne Strecke geschafft haben, ein gutes Essen und ein anständiges Hotel gönnen."

Bis sich der Eurovelo 13 als stark befahrene Tourismus-Route etabliert hat, werde es sicher noch einige Jahre dauern, schätzt Weinberger. Eine abenteuerliche Reise auf den Spuren der Geschichte wäre so eine Radtour allemal . . .