DEUTSCHE TEILUNG: Grenzmuseen erinnern an den einstigen "Eisernen Vorhang" und lassen doch viele Fragen offen. Es wird zu viel gezeigt und zu wenig erklärt.

14.08.2013: Artikel von Joachim Göres, erschienen unter anderem in der Mitteldeutschen Zeitung vom 14.8.2013.

MARIENBORN/MZ - Insgesamt 1,5 Kilometer ist der Grenzzaun bei Geisa lang. Am heutigen Übergang von Hessen zu Thüringen, wo sich einst sowjetische und amerikanische Truppen gegenüberstanden, erinnern die Reste des erhaltenen Grenzzauns an die Teilung Europas bis 1989.

Eine Schulklasse ist angereist und lässt sich direkt an der einstigen Demarkationslinie alles genau erklären. Am Ende fasst sich ein Junge ein Herz und fragt: "Eins verstehe ich nicht: Man konnte über den Zaun nicht rüberspringen, das ist klar, aber man hätte doch an der Seite vorbeilaufen können." Niemand der Mitschüler lacht.

"Kinder und Jugendliche können sich nicht vorstellen, dass der Grenzzaun nicht eineinhalb, sondern fast 1 400 Kilometer lang war. Um so wichtiger sind solche Orte", sagt Michael Cramer, Europaabgeordneter der Grünen.

Mit jährlich rund 180 000 Besuchern gehört die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn zu den am stärksten besuchten Grenzmuseen. Viele Schulklassen machen hier auf dem Weg nach Berlin Halt. "Die meisten jungen Leute haben keine Erfahrung mit Grenzen, die schwer zu überwinden sind. Wir müssen uns immer wieder fragen, welche Bedeutung dieses Thema für sie heute haben kann. Dafür werden wir künftig stärker die Biografien von Menschen vorstellen, die diese Grenze überwinden wollten", sagt Gedenkstättenleiter Sascha Möbius.

Unterschiede gibt es bei den Grenzmuseen in Ost und West - im Osten bestehen relativ wenig, die dann aber meist ein paar hauptamtliche Mitarbeiter haben, im Westen werden die zahlreichen Grenzmuseen fast alle durch das ehrenamtliche Engagement von Aktiven im Rentenalter betrieben. Unterschiede gibt es nach Möbius' Erfahrung auch bei den Besuchen von Schülern aus Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. "Für westdeutsche Jugendliche ist das kein Thema, das sie besonders berührt, sie gehen da neutral ran. Bei ostdeutschen Jugendlichen treffen wir öfter auf Ablehnung, wenn sie von zu Hause ein positives DDR-Bild haben. Bei den Jugendlichen wird durch die Konfrontation mit der einstigen Grenze oft ein Nachdenken ausgelöst."

Das Doppeldorf Böckwitz-Zicherie wurde dadurch berühmt, dass mitten durch den Ort die Grenze verlief. Der heute 74-jährige Willi Schütte wurde 1953 wegen der Grenzlage aus Böckwitz (Kreis Salzwedel) ausgesiedelt, ging später in den Westen und machte von Zicherie (Kreis Gifhorn) aus durch den Grenzzaun viele Fotos von Böckwitz.

Diese Bilder sind heute in Schüttes einstiger Scheune in Böckwitz zu sehen. Zu der Ausstellung gehören auch Karten, Uniformen sowie ein Grenzlehrpfad mit Wachturmbesteigung. "Das betreiben wir alles ehrenamtlich und zahlen dazu noch jeden Monat über 300 Euro Miete. Das können wir nur durch Eintrittsgelder finanzieren", sagt Schütte.

Der Historiker Detlef Schmiechen-Ackermann ist Leiter der Forschungsgruppe "Innerdeutsche Grenze" am Historischen Seminar Hannover. Er ist Mitautor des Ende 2012 vorgelegten Endberichtes zum Projekt "Zukunft der Grenzmuseen", in dem die Art der Präsentation vieler Museen kritisiert wird.

Es werde zu viel gezeigt und zu wenig erklärt, die politischen Hintergründe und der Alltag an der Grenze blieben häufig im Dunkeln. In den Ausstellungen seien immer wieder Grenzpfähle, Stacheldraht und Uniformen zu finden, eine stärkere Schwerpunktsetzung sei nötig.

"Eine Schulung der ehrenamtlichen Mitarbeiter wäre sehr wichtig, nicht zuletzt, um so auch jüngere Menschen für diese Aufgabe zu begeistern. Ohne Nachwuchs droht der Hälfte der Grenzmuseen in den nächsten Jahren die Schließung. Eine Spezialisierung der Museen ist ohne wissenschaftliche Hilfe von außen nicht leistbar", so Schmiechen-Ackermann, der auf mehr Unterstützung zur Umsetzung seiner Empfehlungen hofft.

Das Grenzlandmuseum Eichsfeld im thüringischen Teistungen ist mit jährlich 50 000 Besuchern und 600 Führungen eines der am besten besuchten Museen.

Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur: "Das Land Thüringen gab 2010 für die vier Museen 100 000 Euro aus, was nicht mal für eine volle Stelle pro Museum reicht. Solange diese Summe nicht deutlich aufgestockt wird, braucht man nicht über die Verbesserung der Arbeit zu reden."