Der nördliche Teil

Detaillierte Karten des nördlichen Abschnitts finden Sie hier (auf EV 13 - Iron Curtain Trail klicken).


Norwegen und Finnland


Erholung garantiert - auf der Fahrt nach Vartius

Der Startpunkt vom „Europa-Radweg Eiserner Vorhang“ liegt im hohen Norden Europas, nahe der norwegischen Stadt Kirkenes. Von hier aus führt die erste Etappe bis nach Neiden an der norwegisch-finnischen Grenze. Kirkenes, der einzigen größeren Stadt des äußersten Nordens, ist die Nähe zu Russland deutlich anzumerken. Einen guten Einstieg in die Fahrradtour durch die Geschichte bieten hier das Grenzlandmuseum und das Kriegsdenkmal, das an die Befreiung durch die Rote Armee im Herbst 1944 nach vier Jahren unter deutscher Besatzung erinnert. Wer auf Tuchfühlung mit der Teilung des europäischen Kontinents gehen möchte, kann zum etwa zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegenden Ort Storskog, Norwegens einziger offizieller Grenzkontrollstelle zu Russland, fahren. Die Einreise nach Russland ist jedoch leider aufgrund von Visabestimmungen schwierig, weshalb die entworfene Route durch Skandinavien zwar entlang der Grenze zu Russland verläuft, jedoch nicht auf russischem Boden.

Von Kirkenes aus führt die erste Etappe auf der Reise am ehemailhen Eisernen Vorhang entlang in Richtung der finnischnorwegischen Grenze. Dabei passiert man zunächst Neiden, das Zentrum der norwegischen Ostsamen, das auch für seine ausgezeichneten Lachsgewässer bekannt ist. Einen Abstecher wert ist unterwegs das grenznahe Vaggatem, wo ein wiederhergestelltes Kriegsgefangenenlager aus dem Zweiten Weltkrieg von der Geschichte der Region zeugt. Von dort aus kann man leicht auch zur Grenzmarkierung des Dreiländerecks wandern. Doch Achtung: Es ist strengstens verboten, diese Markierung zu überqueren! Folgt man weiter der Hauptroute, überquert man die norwegisch- finnische Grenze bei Näätämö und erreicht etwa 30 Kilometer weiter Sevettijärvi, das Zentrum der Skoltsamen von Inari. Deren Häuser sind entlang der Straße aufgereiht und das „Haus des Kulturerbes“ bietet einen Einblick in diese nordische Kultur.

Weiter geht es durch einsame Wald- und Moorgebiete, in denen man die Weite Finnlands nicht nur in den Beinen spürt. In der nächsten größeren Gemeinde, Inari, kann man dann nicht nur seine Vorräte wieder auffüllen, sondern auch das bemerkenswerte Sámi-Museum besuchen, das auch als Nationalmuseum der Samen bezeichnet wird. Lohnenswert ist auch ein eintägiger Abstecher zum südlichen Ende des Inari-Sees, der als „Ort der drei Kulturen“ bekannt ist, da die Bevölkerung hier aus Inari-Samen, in den 1920er- und 1930er-Jahren zugezogenen Finnen und den während des Zweiten Weltkriegs angesiedelten russisch-orthodoxen Skoltsamen besteht.

Anschließend radelt man vorbei an den Ortschaften Saariselkä, der nördlichsten Gemeinde der EU, sowie Tankavaara, in der man sich in die Kunst des Goldwaschens einweisen lassen kann. Naturinteressierte kommen einige Kilometer weiter südlich auf dem malerischen Pfad über das Ilmakkiaapa-Sumpfland auf ihre Kosten. Eine besondere Attraktion wartet kurz darauf bei Savukoski, wenn man bereit ist, einen Umweg in Kauf zu nehmen. Auf dem angrenzenden Berg Korvatunturi soll der Legende nach der Weihnachtsmann sein Heim haben.

Anschließend setzt man die Fahrt am ehemaligen Grenzstreifen zwischen West und Ost über Salla und den Oulanka-Nationalpark fort, der von Schluchten, Canyons, Tälern und Flussbetten, geprägt ist. Nun führt die Route über das Anglerparadies Hossa bis nach Suomussalmi. Hier lädt eine Dauerausstellung zum Thema „Der Winterkrieg in Suomussalmi“ dazu ein, sich mit der Geschichte Finnlands im Zweiten Weltkrieg vertraut zu machen. Gleich im Anschluss radelt man auf einem authentischen Stück dieser Geschichte, der Raate-Straße. Hier fand 1939/40 die entscheidende Schlacht von Suomussalmi statt, in der die 44. Division der sowjetischen Streitkräfte aufgerieben wurde. Am anderen Ende der Straße befindet sich in Finnlands einzigem erhaltenen Grenzschutzgebäude aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg ein Grenzschutzmuseum, das restauriert und in seinen ursprünglichen Zustand von 1939 zurückversetzt wurde. Abgerundet wird dieses geschichtliche Programm durch das weiter südlich in Kuhmo gelegene Winterkriegmuseum, das einen Eindruck vom Winterkrieg vermittelt. Bekannt ist Kuhmo zudem für seine neue finnische Holzarchitektur der international gefeierten Architekten Mikko Heikkinen und Markku Komonen sowie sein alljährlich im Sommer stattfindendes Kammermusikfestival.

Auf dem Weg weiter Richtung Lieksa kommt man am Kriegsdenkmal Jyrkänkoski vorbei, bevor man wieder weitgehend menschenleere Landschaften betritt. Das wunderschön vor Hügeln und Seen gelegene Lieksa ist einen Zwischenstopp wert, um das zweitgrößte Freilichtmuseum Finnlands zu besichtigen. Nun führt der "Europa-Radweg Eiserner Vorhang" über Ilomantsi, wo im Sommer 1944 die entscheidende Schlacht des finnisch-russischen Fortsetzungskrieges stattfand. Mehrere Denkmäler und das "Haus der Kämpfer" erinnern an diese Geschehnisse. Von Ilomantsi geht es weiter vorbei an einigen kleinen Dörfern bis nach Värtsilä, das nach den Kriegen in einen finnischen und einen russischen Teil gespalten wurde und so ein besonderes Denkmal für die Teilung des europäischen Kontinents geworden ist. Unweit der Ortschaft findet man überdies den Grenzkontrollpunkt Niirala, den östlichsten landseitigen Grenzkontrollpunkt der EU.

Im Folgenden verläuft der Radweg auf einer schmalen Schotterstraße, die sich am See Kiteenjärvi entlang schlängelt und nach Kitee führt. Weiter geht es über Puhos und Lappeenranta und Uukuniemi bis nach Siikalahti, dem interessantesten Vogelsee Finnlands, der nicht nur Tierfreunde begeistert. Südlich der Stadt Simpele wartet eine von Menschenhand gebaute Attraktion: die alten Wasserkraftwerke Ritakoski und Lahnasenkosk, die einen Besuch wert sind.

Wer sich nach den Anstrengungen der bisherigen Kilometer eine Erfrischung gönnen möchte, findet unweit von Laikko einen schönen See mit kristallklarem Wasser. Wer sich stattdessen lieber weiterhin der Geschichte widmet, sollte bis nach Miettilä radeln, wo sich der Standort einer Garnison befindet. Die Armeereservistenkasernen wurden in den 1880er Jahren erbaut und lohnen als historischer Ort auf jeden Fall einen Besuch.

Nach Miettilä fährt man auf einer 1989 geschaffenen Museumsstraße, die entlang eines früher heftig umkämpften Grenzstreifens führt. Weiter südlich, nahe der Stadt Imara erwartet einen das Grenzmuseum am Garnisonsstandort Immola, das ursprünglich auf Initiative und als Zeitvertreib örtlicher Grenzbeamter gegründet wurde. Im Mittelpunkt seiner Dauerausstellung steht die Geschichte der finnischen Grenzen und Grenzwächter nach der Unabhängigkeit des Landes. Nahe Imatra sollte man auch die berühmten Imatrankoski-Wasserfälle bestaunen, die eines der beliebtesten Reiseziele Finnlands sind. Weniger angenehme Gefühle hinterlässt ein Stück weiter südlich die Haftanstalt Konnunsuo Penitentiary, die 1918 gegründet wurde und nach wie vor in Betrieb ist. Sie bildet zusammen mit den umliegenden Wohnhäusern eine kultur- und architekturgeschichtlich landesweit einzigartige Einheit.

Weiter geht es nun entlang des Saimaa-Kanals, der den finnisch-russischen Grenzverkehr auf dem Wasser ermöglicht. In Nuijamaa sollte man einen Blick auf eine der verbreiteten „Wiederaufbaukirchen“ werfen, die anstelle von im Krieg zerstörten Gotteshäusern errichtet wurden. Bevor man das Ende der skandinavischen Etappe erreicht, erwartet einen bei Miehikkälä schließlich noch einmal eine besondere historische Attraktion: das in einem alten Bunker untergebrachte Museum über die Salpa-Linie (Salpalinjamuseo), eine stark befestigte Verteidigungslinie der östlichen Grenze aus dem Zweiten Weltkrieg. Nur ein kurzes Stück weiter nähert man sich Virolahti, das acht Kilometer vor der russischen Grenze liegt und den Abschluss dieser Etappe bildet.

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Estland, Lettland und Litauen

Die Etappe durch das Baltikum stellt im Vergleich zur gesamten Route zwar ein relativ kurzes Teilstück dar, doch bietet es neben der Entdeckung gleich dreier Länder auf engem Raum eine bemerkenswerte landschaftliche, kulturelle und historische Vielfalt.

Die Fahrt durch das Baltikum beginnt im Osten Estlands, genauer gesagt im Hafen der kleinen Stadt Silamäe, die früher aufgrund ihrer Bedeutung für die Produktion von Kernbrennstäben für sowjetische Atomkraftwerke auf offiziellen Karten nicht verzeichnet war. Im Stadtzentrum sind auch heute noch Spuren des „Sowjetischen Barocks“ zu finden.

Von Silamäe aus folgt man zunächst den Küstenstraßen gen Westen. Dabei gelangt man in Estlands ältesten Nationalpark namens Lahemaa, was übersetzt „Buchtenland“ bedeutet. Hier kommt man an alten Gutshöfen und dem Fischerdörfchen Altja vorbei und kann besonders in Võsu, dem Hauptort des Nationalparks, im Sommer einen Ausflug an den Strand machen. Auf die Spuren der Geschichte Estlands im Kalten Krieg stößt man in Hiiemäe, wo sich seit 1992 der „Park zum Andenken an die Opfer der Grausamkeit" befindet, der an die Deportationen nach Sibirien erinnert. Verschiedene Repräsentanten Estlands pflanzten hier Eichen zur Erinnerung.

Weiter geht es vorbei an der Purekkari-Landzunge, dem nördlichsten Punkt Estlands, wo sich im Kalten Krieg eine Sowjetische Radarstation befand. Anschließend fährt man über die Halbinsel Pärispea, kommt an einem großen Gräberfeld aus Steinsärgen vorbei, die auf 500 vor Christus datiert werden, und fährt weiter über Loksa bis in die estnische Hauptstadt Tallinn, deren amtlicher Name bis 1918 Reval war.

In Tallinn muss man zunächst die Plattenbauviertel von Maardu durchfahren, bevor man die mittelalterliche, zum Großteil noch von einer Stadtmauer umgebene Altstadt erreicht. Die am meisten verbreitete Erklärung des heutigen Stadtnamens kommt von „Taani linn“, was auf Estnisch soviel wie „dänische Stadt“ bedeutet und auf die Eroberung Tallinns durch den Dänenkönig Waldemar II. im Jahre 1219 zurückgeht. Highlight der Dänenstadt ist heute noch die Altstadt mit ihren unzähligen Türmen. Sie ist seit 1997 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Ein Muss für historisch Interessierte ist auch das Okkupationsmuseum, das an die verschiedenen Besatzungsperioden erinnert. Daneben locken aber auch das Museum für moderne Kunst und der Palast Katharinental, ein kleines Barockschlösschen aus dem 18. Jahrhundert, zahlreiche Besucher an.

Nachdem man Tallinn entdeckt hat, setzt man die Fahrt Richtung Südwesten fort. Schon nach wenigen Kilometern kommt man am nationalen estnischen Freilichtmuseum „Rocca al mare“ vorbei, das den Geschichtsinteressierten zwischen wiederaufgebauten Dorfhäusern aus den verschiedenen Regionen Estlands in die Vergangenheit des Landes entführt.

Weiter geht die Fahrt über die Küstenorte Laulasmaa und kurz darauf Kloogaranna, anschließend über die Halbinsel Pakri, die während des Kalten Krieges ein Bombenabwurfgelände für die Staaten des Warschauer Paktes war. In Paldiski, einer Hafenstadt, die früher eine geheime Basis der sowjetischen Seestreitkräfte war, finden sich noch Ruinen der Anlagen der Roten Armee. Von hier aus führt der Radweg über Padise und Nõva weiter bis zur alten Bischofsstadt Haapsalu, die teilweise auf einer Halbinsel gelegen ist.

Nachdem man Haapsalu wieder verlassen hat, kann man die Reise entweder per Fähre über die Inseln Hiiumaa und Saaremaa oder über das Festland nach Pämu fortsetzen. Die beiden Inseln sind vor allem für Naturliebhaber einen Abstecher wert. Wer sich für den Landweg entscheidet, rollt durch das flache Land weiter in Richtung Lettland. Dabei kommt man an der sehenswerten gotischen Kirche von Ridala aus dem 13. Jahrhundert vorbei und kann im Naturschutzgebiet Nehatu Rast machen oder auch eine der zahlreichen vor der Küste gelegenen Inseln besuchen. Auch an Pärnu, der so genannten „Sommerhauptstadt“ Estlands, die in den warmen Monaten vor Leben überquillt, kommt der Radler vorbei. Nahe der Ortschaft Ikla erreicht man schließlich die Grenze zu Lettland.

Auf lettischer Seite verläuft der Europa-Radweg Eiserner Vorhang zunächst durch das Biosphärenreservat von Nordvidzeme, ein Gebiet aus Mischwäldern, Hochmooren, Meeresdünen, Küstenwiesen, natürlichen Seen und Flussläufen. Freunde der Schifffahrt kommen in Ainaži auf ihre Kosten: Dort stand Lettlands erste Seefahrtsschule, über die heute noch ein Museum informiert.

Folgt man der Route weiter, erreicht man anschließend Limbaži. Die Hansestadt – eine von acht in ganz Lettland – wirkt, als ob die Zeit hier stehen geblieben wäre. Erst langsam wird das Kulturerbe erschlossen.

Besser erschlossen ist ein Stück Geschichte aus dem Kalten Krieg, das weiter südlich in Ligatne zu finden ist. Unter einem Sanatorium liegt ein atombombensicherer Bunker, der der Regierung der Lettischen Sowjetrepublik diente. Er ist besonders interessant, weil er im Originalzustand erhalten ist.

Auf der Route Richtung Riga liegt im weiteren Verlauf auch die Stadt Sigulda, deren Zentrum aufgrund der farblosen Bauten der späten Sowjetzeit heute nicht besonders reizvoll ist. Einen Besuch wert ist die Drahtseilbahn über das Gauja-Tal zwischen dem Hauptort Sigulda und der Burg Krimulda. Auf der anderen Seite des Flusses, in Turaida und Krimulda, erwartet den Reisenden zudem eine beeindruckende Burganlage, die zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten Lettlands zählt.

Nachdem man Sigulda wieder verlassen hat, nähert man sich Riga. Dabei kommt man unter anderem durch Ulbroka-Stopinu, wo nach dem Krieg die erste Lettische Radiostation eingerichtet wurde und heute noch ein 125 Meter hoher Funkturm steht. Am 22. August 1991 brachen während des sogenannten „Augustputsches“ Soldaten der sowjetischen Spezialeinheit OMON in die Radiostation ein und versuchten die Anlagen zu zerschießen, was jedoch misslang.

Rīga, die Hauptstadt Lettlands mit etwa 730.000 Einwohnern, ist der größte Ballungsraum im Baltikum. Die alte Hansestadt an der Düna (lettisch: Daugava) ist berühmt für ihre Jugendstilbauten und für die gut erhaltene Innenstadt. Wie in Tallinn gibt es auch in Rīga ein Okkupationsmuseum. Es erinnert an das Leiden der Letten unter deutscher und sowjetischer Okkupation (1941-1991). In diesem Museum kann man den geheimen Teil vom Hitler-Stalin-Pakt lesen.

Von Rīga aus führt die Route anschließend in Richtung Meer. Auf dem Weg in den größten Kurort des Baltikums, Jūrmala, passiert man verträumte Villen und Wochenendhäuser, bevor man schließlich den Strand erreicht. Während der Saison bietet der Ort ein erstklassiges Kulturprogramm.

Von Jūrmala aus geht es am Strand entlang bis nach Klapkalnciems, wo sich finnische, sowjetische und deutsche Soldatengräber befinden. Fährt man weiter gen Süden, kommt man kurz hinter Engure in den Engures-Nationalpark, wo man am See Entspannung finden kann.

Etwa 20 Kilometer hinter Kolka wartet in Mazirbe eine besondere kulturelle Überraschung: Hier ist das Zentrum eines der kleinsten Völker Europas, der finno-ugrischen Liven. Spuren des Eisernen Vorhangs lassen sich ein Stück weiter in Irbene besichtigen. Von der für sie strategisch wichtigen Präsenz der Sowjetarmee an der Ostseeküste sind hier die verlassenen und zerstörten Plattenbauwohnhäuser und Militäranlagen geblieben.

Fährt man die Küstenstraße weiter Richtung Süden, kommt man an der alten Hansestadt Ventspils vorbei, deren gut restaurierte Altstadt einen Spaziergang wert ist. Im Schloss des Schwertbrüder-Ordens befindet sich heute das Museum von Ventspils, das sich der Darstellung aller Aspekte des Lebens der lettischen und livischen Fischer und Bauern widmet. Heute ist die reiche Hafenstadt wichtigster Umschlagplatz für russisches Öl und Kohle an der Ostsee.

Richtung Süden verlässt man Ventspils auf einer gut ausgebauten Straße. Der Weg führt nahe Priednieki an einem Denkmal vorbei, das an die auf der Flucht vor der Roten Armee nach Schweden in den Jahren 1944/45 ertrunkenen Einwohner der Umgebung erinnert.

Einige Kilometer weiter südlich stößt man auf Liepāja, eine Perle am Europa-Radweg Eiserner Vorhang. Erst langsam entdecken westliche Touristen die Stadt, die städtebaulich an der Wende zum 20. Jahrhundert stehen geblieben zu sein scheint. Sechsgeschossige Wohnhäuser, Paläste und besonders das Villenviertel am Kurpark mit seinen Jugendstilbauten verzaubern den Besucher der Stadt. Sehr sehenswert ist auch das Museum über die Geschichte der Stadt Liepāja, das sich auch der deutschen Vergangenheit ausführlich widmet.

Zudem wird man überrascht sein, inmitten von Plattenbauten den atemberaubenden St. Nikolaus-Dom zu entdecken. Nicht weniger beeindruckend ist der nördlich der Stadt gelegene ehemalige Stützpunkt der Russischen Ostseeflotte, Karosta, der hier nicht zuletzt aufgrund der Nähe zu Deutschland und der durchgehenden Eisfreiheit eingerichtet wurde. Die durch den Abzug der russischen Flotte entstandenen Freiräume haben Künstler für sich entdeckt. Heute ist Karosta ein angesagter Ort für zeitgenössische Kunstprojekte aus ganz Europa. Über Nica und Rucava geht es weiter bis zur litauischen Grenze.

Nach Überquerung der Grenze nimmt man die Fahrt Richtung Klaipėda (Memel) wieder auf, wo man mit einer Fähre zur Kurischen Nehrung übersetzen kann. Auf der Nehrung führt ein gut ausgebauter Radweg direkt an den Dünen entlang. In Nida kann man dem Thomas Mann-Haus, das direkt am Haff liegt, einen Besuch abstatten.

Damit befindet man sich kurz vor der Grenze zum russischen Territorium um Kaliningrad, dem Endpunkt dieser Etappe des Europa-Radwegs Eiserner Vorhang.

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Russische und polnische Ostseeküste

Nicht von Menschen, sondern von Naturgewalten getilgt: Die Kirche von Trzesacz

Eine besonders abwechslungsreiche und historisch spannende Etappe ist dieses Teilstück. Nach der Durchquerung des zu Russland gehörigen Gebiets um Kaliningrad (das ehemalige Königsberg) führt die Route an Sandstränden und Steilküsten entlang der Ostsee bis zur deutsch-polnischen Grenze bei Świnoujście (Swinemünde). Zwar gab es auf dieser Strecke während des Kalten Krieges keine Mauer und keinen Stacheldraht, von einem Eisernen Vorhang muss aber dennoch die Rede sein, da große Teile des Küstengebietes zwischen St. Petersburg und Usedom militärisches Sperrgebiet waren und erst in den letzten Jahren wieder zugänglich gemacht wurden. Überall trifft man noch Überreste der Vergangenheit an, neben denen des Kalten Krieges auch Spuren der Besiedlung und Herrschaft durch verschiedenste Volksstämme im Laufe der Jahrhunderte.

Auf der Route wechseln sich das Meer, wunderschöne Naturlandschaften und Städte mit langer und ereignisreicher Geschichte ständig ab. Die Nähe zum Strand ermöglicht auf nahezu allen Steckenabschnitten ein kühlendes Bad in der Ostsee. Startpunkt dieser Etappe ist die Grenze zwischen Litauen und Russland nahe der Ortschaft Nida, die auf einer langen, vorgelagerten Nehrung liegt. Die Nehrungsstraße ist auf russischer Seite ein wahres Naturerlebnis, da sich rechts und links neben der Straße ein über Jahrzehnte vom Menschen unberührter Wald erstreckt. Hat man das Ende der Nehrung erreicht, nähert man sich Kaliningrad. Von Frombork setzt man mit der Fähre nach Sztutowo (Stutthof) über, wo früher zunächst ein deutsches Gefangenen-, dann ein Konzentrationslager stand, an das heute eine Gedenkstätte erinnert. Von nun an folgt man der Küstenstraße an der Ostsee gen Westen. Über Mikoszewo geht es weiter bis in die alte Handels- und Hansestadt Gdańsk (Danzig), die nächste unbedingt sehenswerte Metropole am Europa-Radweg Eiserner Vorhang. Hier begann mit dem Beschuss der Westerplatte im Jahre 1939 nicht nur der Zweite Weltkrieg, sondern Anfang der 80er Jahre auch die Solidarność-Bewegung, die viel zum Fall des Eisernen Vorhangs in Europa beigetragen hat.

Wieder zurück auf dem Rad geht die Fahrt über Gdynia (Gdingen), in dessen Hügeln Zeugnisse des Kalten Krieges, wie z. B. restaurierte Geschütze, zu besichtigen sind. Wenige Kilometer weiter kann man die Halbinsel Hel, die weit ins Meer hineinragt, erkennen. Sie war ein wichtiger polnischer Militärstützpunkt und zwischen 1945 und 1990 militärisches Sperrgebiet. Sie kann heute befahren werden und obwohl noch Überreste von Küstenverteidigungsanlagen erhalten sind, erobert der Tourismus diesen Landstrich zurück. Ein neuer, 50 Kilometer langer Radweg lädt zu einer Tagestour auf der Halbinsel ein.

Weiter geht es entlang der Küste zwischen Dünen, Wäldern und dem Ufer des Sarbsko-Sees. Man kommt an Czołpino und Rowy sowie kleinen Seen vorbei, kann in Łazy verlassene Militäranlagen aus der Zeit des Kalten Krieges besichtigen und entfernt sich nie weit vom Ufer der Ostsee. Der polnische Teil endet schließlich nahe der deutschen Grenze im Touristenort Świnoujście (Swinemünde).

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