Vom Berliner Mauer-Radweg zum Iron Curtain Trail
Die Teilung Europas nach dem zweiten Weltkrieg
Der Eiserne Vorhang ist ein Ergebnis der Teilung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Schon während der Konferenz von Jalta 1944 - und erst rechts nach dem Kriegsende am 8. Mai 1945 - hatten sich die alliierten Siegermächte darauf verständigt, Deutschland - und auch die alte Reichshauptstadt Berlin - in vier Besatzungszonen aufzuteilen, in eine amerikanische, eine britische, eine französische und eine sowjetische Zone. Deutschland als Ganzes sollte eigentlich gemeinsam verwaltet werden. Das scheiterte aber angesichts der sich verschärfenden Konfrontation zwischen den drei Westmächten einerseits und der Sowjetunion andererseits. Bereits am 5. März 1946 hatte der nach Kriegsende abgewählte Britische Premierminister Winston Churchill in seiner berühmten "Eiserner Vorhang" Rede in Fulton/Missouri die Spaltung Europas beschrieben, die zum jahrzehntelangen "Kalten Krieges" führte.
Die Teilung Deutschlands
Mit der Verabschiedung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 wurde die "Bundesrepublik Deutschland" mit der provisorischen Hauptstadt Bonn gegründet. Die "Deutsche Demokratische Republik" mit dem Regierungssitz im sowjetischen Sektor von Berlin entstand am 7. Oktober 1949. Nicht gewillt, politische Freiheitsrechte zu gewähren und unfähig, die wirtschaftlichen Probleme zu lösen, kamen die Führungen in der DDR und in der UdSSR auf eine absurde Idee: Am 13. August 1961 begannen sie, um die West-Sektoren Berlins eine Mauer zu errichten, damit niemand mehr nach West-Berlin fliehen konnte. Gleichzeitig forcierten sie durch die "Aktion Festigung", die auch "Aktion Kornblume" genannt wurde, den Ausbau des Todesstreifens zwischen der Bundesrepublik und der DDR.
Der Fall des Eisernen Vorhangs
Der 17. Juni 1953 in der DDR war der erste Volksaufstand im sowjetischen Machtbereich nach dem 2. Weltkrieg. Ihm folgten die Revolution in Ungarn (1956), der Prager Frühling in der Tschechoslowakei (1968) und die Solidarnosc-Bewegung in Polen (1980-1981). Mit Michail Gorbatschows Glasnost und Perestroika nach 1985 kam Bewegung in die Ost-West-Beziehungen. Die Aktivitäten der Gewerkschaft Solidarnosc in Polen, die erfolgreiche Orientierung der Ungarn nach Westen und der Abbau des Stacheldrahts an der ungarisch-österreichischen Grenze bereiteten schließlich den Fall der Berliner Mauer und damit letztendlich auch die Überwindung des Eisernen Vorhangs vor.
Erinnerung sichtbar machen
Kann man die Erinnerung an diese überwundene Teilung Europas sichtbar machen? Diese Frage zu stellen, heißt, sie zu bejahen. Wir wissen heute, dass es zwischen West und Ost noch keine gemeinsame Erinnerung gibt, dass die Menschen im Osten und die Menschen im Westen sich an die Grenze auf unterschiedliche Art und Weise erinnern.
Heute, fast zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Berliner Mauer, der deutsch-deutschen Grenze und des Eisernen Vorhangs in Europa, ist von der ehemaligen tödlichen Grenze nicht mehr viel zu sehen. Die Frage, wie man mit dem Grenzstreifen und besonders der Berliner Mauer umgehen sollte, bewegte nach der Wende die Gemüter. "Die Mauer muss weg" war die Parole nach den Novembertagen 1989 und die meisten Berliner wollten, dass sie möglichst schnell aus dem Stadtbild verschwindet. Nur wenige dachten "über den Tag hinaus" und setzten sich dafür ein, dass authentische Teile von Mauer und Grenzstreifen unter Denkmalschutz gestellt werden.
Als Ergänzung zur Markierung des ehemaligen Mauerverlaufs und zur künstlerischen Gestaltung der Grenzübergänge wurde die "Geschichtsmeile Berliner Mauer" ins Leben gerufen, eine viersprachige Dauerausstellung (deutsch, englisch, französisch, russisch), die mit etwa 30 Tafeln über die Geschichte von Teilung, Mauerbau und Maueröffnung informiert. Mit Fotografien und kurzen Texten werden Ereignisse geschildert, die sich am jeweiligen Standort zugetragen haben.
Der Berliner Mauer-Radweg
Den Grünen - und besonders Michael Cramer, Mitglied der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus -fehlte noch etwas. Sie wollten diese Erinnerungskultur durch den Berliner Mauerweg ergänzen. Es gab zwar viele Bücher über die Berliner Mauer, vor allem über die 40 km zwischen den beiden Stadthälften - aber kein einziges, das den gesamten Verlauf mit den zusätzlichen 120 km ins Visier nahm, die Berlin vom Umland trennten.
Anlässlich des 40. Jahrestags des Mauerbaus initiierte Michael Cramer einen Antrag, in dem der Senat aufgefordert wurde, einen Rad- und Wanderweg entlang der früheren Grenze auszuweisen, die verbliebenen Mauerreste unter Denkmalschutz zu stellen, ihn fahrradfreundlich zu gestalten und auszuschildern. Gleichzeitig wurden die ersten "Mauerstreifzüge" organisiert, die seit dem Jahr 2001 jeden Sommer unter Leitung von Michael Cramer durchgeführt werden.
In den letzten fünf Jahren wurde der Weg ausgeschildert, rad- und wanderfreundlich ausgebaut und für das letzte Maueropfer, Chris Gueffroy, eine Stele errichtet. Nahezu alle verbliebenen authentischen Relikte wurden unter Denkmalschutz gestellt. Der "Berliner Mauer-Radweg" wurde Bestandteil des Tourismus-Programms von Berlin und ist das erste Projekt, das den Stadttourismus mit dem sanften Tourismus verbindet. In Berlin kann man in der Tat Geschichte, Kultur und Politik im wahrsten Sinne des Wortes "erfahren".
Der Berliner Mauerweg als Vorbild für den deutsch-deutschen Grenzweg…
Aber nicht nur Berlin, auch Deutschland war jahrzehntelang gespalten. Deshalb kam die Idee auf, auch die Erinnerung an den 1400 km langen Grenzstreifen zu bewahren. Die Koalitionsfraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen brachten deshalb im Deutschen Bundestag einen Antrag ein, den ehemaligen Todesstreifen in einen Lebensraum umzuwandeln, ihn für den sanften Tourismus zu erschließen und auch weiterhin die Gestaltung eines europäischen Grünen Bandes (Grünes Band Europa) entlang des früheren "Eisernen Vorhangs" zu unterstützen. Dafür hat der Deutsche Bundestag im Dezember 2004 einstimmig votiert.
…und den Iron Curtain Trail
Doch letztlich waren nicht nur Berlin und Deutschland, sondern auch Europa jahrzehntelang gespalten. Von der Barentssee an der norwegisch-russischen Grenze bis zum Schwarzen Meer verlief der Eiserne Vorhang, die physische und ideologische Grenze zweier feindlich ausgerichteter Blöcke. Heute trennt er nicht mehr. Er ist Symbol einer gemeinsamen und gesamteuropäischen Erfahrung im wiedervereinigten Europa.
Auch deshalb hat das Europäische Parlament im Herbst 2005 einem Antrag von Michael Cramer mit großer Mehrheit zugestimmt, den "Iron Curtain Trail" ("Rad-Wanderweg Eiserner Vorhang") in seinen Bericht über "Neue Perspektiven und Herausforderungen für einen nachhaltigen europäischen Fremdenverkehr" aufzunehmen. Er ist Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses Europas, mit dem die viel beschworene europäische Identität gefördert werden kann.
Nach dem Vorbild des Berliner Mauerwegs und dem deutsch-deutschen Grenzweg soll nun entlang des Eisernen Vorhangs auf dem früheren Todesstreifen ein Rad- und Wanderweg entstehen, der Reisen auf den Spuren der gemeinsamen Geschichte unseres Kontinents ermöglicht. Wenn die Mitgliedsstaaten in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Parlament und der EU Kommission das Projekt realisieren, wird man auch Europäische Geschichte, Politik und Kultur erfahren können.


